Disteln und Rosen

Mir haben Disteln,
Rosen geblüht
Disteln zum Leiden
Rosen zum Lied

Bald deckt der Reif schon
Wiesen und Feld
Kalt wird mein Herz mir
kalt mir die Welt

Disteln und Rosen
welk bald und tot
Disteln so lila
Rosen so rot

Bald deckt der Reif schon
Wiesen und Feld
Kalt wird mein Herz mir
kalt mir die Welt

Distel und Rose
mag nimmer sein
Schnee deckt der Winter
über sie ein

Distel und Rose
bringt Leid und Glück
im nächsten Jahr mir
blühend zurück

Ein Liedgeschenk von meinem Vater

Es ist ein Tag im September, und wenn man aus den finstern und gar nicht kühlen Gräbern wieder ans Licht kommt, blinzeln wir, so grell ist der Tag; ich sehe die roten Schollen der Äcker über den Gräbern, fernhin und dunkel das Herbstmeer, Mittag, alles ist Gegenwart, Wind in den staubigen Disteln, ich höre Flötentöne, aber das sind nicht die etruskischen Flöten in den Gräbern, sondern Wind in den Drähten, unter dem rieselnden Schatten einer Olive steht mein Wagen grau von Staub und glühend, Schlangenhitze trotz Wind, aber schon wieder September: aber Gegenwart, und wir sitzen an einem Tisch im Schatten und essen Brot, bis der Fisch geröstet ist, ich greife mit der Hand um die Flasche, prüfend, ob der Wein (Verdicchio) auch kalt sei, Durst, dann Hunger, Leben gefällt mir -
Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein

Irmin Schmidt über CAN

"…. Es war die Erfahrung, dass man in glücklichen Momenten beim Spielen ein einziges Wesen, ein mächtiger pulsierender Organismus wurde. Unsere ganze Musik ist der immer wieder neue Anlauf, diesen Zustand herzustellen. Der kommt nicht einfach so über einen, der kommt aus einer ungeheuren Konzentration und Wachheit, Geistesgegenwart eben, Ohrengegenwart, Du wirst ganz Ohr, alles um Dich herum wird Musik. Die Tür zum Garten steht auf, draußen sausen Autos und ab und zu brüllen Starfighter vorbei, Jaki stimmt seit einer Stunde sein Schlagzeug, indem er mit äußerster Konzentration Klopfzeichen in einem Geheimrhythmus sendet, den nur seine Trommel und die dazugehörige Gottheit versteht - "Musik sollte nur von Maschinen oder Göttern gemacht werden" hat er mal gesagt - Holger ist ganz weit weg in seiner Mischpultraumkapsel und produziert abwechselnd kurze gellende Schreie und dumpfe Erdbebenstöße, Michael starrt seine Gitarre an, die vor ihm liegt und brummt und gleichzeitig die 8-Uhr-Nachrichten sendet, Damo liegt auf einem Müllsack der mit Styropor gefüllt ist, rutscht hin und her und kichert, weil das Ding irgendwie sexy ist und so schön quietscht und ich sitze am Klavier und spiele mit einem Finger das eingestrichene H bis es sich plötzlich mit Starfightern, Klopfzeichen, Styropor-Quietschen, Gitarrenbrummen und Erdbebenstößen zu einem Groove vereinigt. Nach einer Stunde pulsiert der ganze Raum und dein Körper, einfach alles in diesem Groove. Du hörst den anderen und dem was Deine Hände machen zu, es geht ab wie die Hölle. Du bist glücklich und nach zwei Stunden hast Du plötzlich die dumme Idee, dein kleines Riff, dein H zu verlassen und spielst eine kleine Melodie, alles fängt an zu wackeln. Du willst dein Riff wieder spielen, es ist aber weg und alles bricht zusammen. Jaki verprügelt noch eine halbe Stunde sein Schlagzeug, Michael starrt wieder stumm auf die Gitarre, Damo mault, Holger spult Bänder zurück und verkündet: daraus schneide ich euch ein Stück, das wird in 30 Jahren eure Rente sein, ich weiß gleich werden wir uns das anhören und, obwohl wir es eigentlich alle ziemlich gut finden, das Gegenteil behaupten, meckern, uns in die Haare kriegen, wieder anfangen zu spielen, weil’s eben eigentlich doch noch besser gehen müsste, noch mehr zusammen. Und manchmal hat’s geklappt. Tja, so ungefähr sind die Sachen entstanden".

http://www.germanrock.de/alt/c/can/index.htm

Motorrollertrittbrett.

Von den hereinbrechenden Rändern.

Baum im Blau.

Stille Andacht.

Denn was ich zu tun habe! In meinen vier Bezirkshauptmannschaften fallen – von meinen übrigen Arbeiten abgesehen – wie betrunken die Leute von den Gerüsten herunter, in die Maschinen hinein, alle Balken kippen um, alle Böschungen lockern sich, alle Leitern rutschen aus, was man hinauf gibt, das stürzt hinunter, was man herunter gibt, darüber stürzt man selbst. Und man bekommt Kopfschmerzen von diesen jungen Mädchen in den Porzellanfabriken, die unaufhörlich mit Türmen von Geschirr sich auf die Treppen werfen.

Schweres Moabit